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Persönlichkeitsentwicklung ist Bullshit

Aus einem Gespräch mit dem Taubenkönig — Danke schön! Ich habe den Text für eine bessere Lesbarkeit etwas überarbeitet und für ein paar Hintergründe mit Links versehen.

Ein laut gedachter Exkurs zu Persönlichkeitsentwicklung, wenn sich Menschen bewusst selbst ändern wollen, und warum das oft allerdings nur das passende Gegenstück zu „ich will mich gut fühlen“ ist und zu keiner Änderung führt.

Persönlichkeitsentwicklung ist Bullshit. Zumindest das, was wir in der Regel als Lebenshilfe bekommen oder als Ratgeber, oder selbst als Dienstleistung. Also die Sachen, die wir meist finden, wenn wir danach suchen, wie wir uns weiterentwickeln können, und oft noch fragwürdiger, dann als Werbung in den sozialen Medien angezeigt bekommen.

Aber warum ist das Bullshit? Weil wir oft nur Bewältigungsstrategien und Verortungswerkzeuge angeboten bekommen, die größtenteils eher von schlechter bis fragwürdiger Qualität sind, selten wirklich Entwicklung und somit Transformation bedeuten und letztlich zu einem Problem für uns alle werden.1

Es sind oft Bewältigungsstrategien wie „was sind meine Stärken/Schwächen und wie verstärke ich die/schwäche ich die ab“, die uns helfen sollen, uns unserer Eigenschaften bewusst zu werden, um sie dann für uns oder gegen andere einzusetzen. Oder es sind Verortungswerkzeuge in Form von „Persönlichkeitstests“, die uns unsere Persönlichkeit und manchmal die von anderen erklären sollen, oder gelegentliche „Leitfäden“, die uns unsere Richtung zeigen oder die von anderen vorhersagen sollen.

Da sich die Produkte verkaufen sollen, lassen sie sich meistens zusammenfassen als „Kompetenzen verbessern, Selbstbewusstsein stärken, ein Ziel verfolgen, andere Menschen kontrollieren und manipulieren — und all das, während wir uns eigentlich auch nur gut fühlen wollen und uns selbst nicht wirklich ändern müssen“. Spöttisch würde ich fast ein „nur klug fühlen, nicht klug handeln“ hinzufügen.

Bis zu einem gewissen Grad können solche Produkte natürlich gut, nützlich und sogar notwendig sein, allerdings sind sie fast immer ein Ende in sich, was Persönlichkeitsentwicklung angeht.2

Denn diese Art der so dabei offenbarten Persönlichkeit ist Schicksal. Dabei sollte sie nur Tendenz sein, was das Wort Entwicklung ja beinhaltet. So lässt sie nur noch einen recht starren Blick auf sich und andere Menschen zu, und da finden sich dann schnell so Sachen wie von Robert Greene oder Jordan Peterson, die — zurecht — sehr oft auf Akzeptanz einer negativen Voreingenommenheit von Menschen hinweisen, dann allerdings — und das ist brenzlich — auf das Ausnutzen davon beharren. Das ist eine äußerst problematische Sichtweise.

Sie stimmt nur zum Teil und nur für einen bestimmten Entwicklungsstand, den jeder Mensch innehat. Entwicklung kann schließlich voran schreiten, das heißt, eine gleichwertige Ausschau auf andere Menschen, oder gar eine asymmetrische nach vorn, ist mit so einer Persönlichkeitsentwicklung nicht möglich.3 Der Status quo, besonders der in Form von Unterstellungen, wird zementiert.

Was sich da bereits etwas andeutet: Das Thema ist arschkomplex, weil der Mensch halt arschkomplex ist, und vereinfachte Antworten oder gar Lösungsvorschläge reichen selten aus. Das ist nicht mehr einfach und daher anstrengend, sich schon nur damit auseinanderzusetzen, von einer Anwendung oder gar persönlichen Veränderung ganz zu schweigen. Das möchten die wenigsten Menschen dann tatsächlich wirklich — und sich lieber gut fühlen.

Dann: Wenige Psycholog:innen haben Kenntnisse/Erfahrungen in dieser Form der Entwicklungspsychologie.4 Und dann auch noch: Die wenigsten Berater:innen/Trainer:innen/Coaches und mitunter Psycholog:innen haben selbst die notwendige persönliche Reife, um entsprechend qualitative Beratung anbieten oder sich selbst kontextualisieren zu können.5

Nicht ohne Grund sind einfache und nicht funktionierende „Persönlichkeitstests“ wie der MBTI beliebt, oder das Enneagramm. Oder überhaupt automatisierte (Selbst-)Tests, die mit wenig Aufwand ein schnelles Ergebnis und ein „Aha!“ vorweisen wollen — und dann ist das halt Schicksal.6

Abgesehen davon, dass diese Tests in der Regel trivial sind, könnten sie im besten Fall auch nur Persönlichkeitsmerkmale aufzeigen.7 Überspitzt dargestellt würde uns damit nur gesagt, welches Werkzeug wir haben. Allerdings, siehe oben:

Wenn wir einen Hammer haben, ist jedes Problem ein Nagel.

Natürlich sind Persönlichkeitsmerkmale das Werkzeug in der Psychologie, und da gibt es ein empirisch sehr gut belegtes Modell, das der „Big Five“, oder in einem noch weiter verfeinerten Modell namens „HEXACO“8. Beide würden Laien im besten Falle allerdings auch nur „erklären“.9

Wenn dann tatsächlich Entwicklung ins Spiel kommen soll, wiederholt sich leider zu oft das ganze „bitte einfach/ohne Anstrengung/nur gut fühlen“ auf einer anderen Ebene. Da dafür Persönlichkeitsmerkmale allein nicht mehr ausreichend sind, finden sich dann so Ideologien wie Spiral Dynamics oder andere Dinge, wo „Werte gemessen“ werden, auch automatisiert und so weiter.10

Aber auch dafür gibt es sehr gut empirisch validierte Theorien11, eben wie die „Ich-Entwicklung“ von Jane Loevinger oder die „Entwicklung des Selbst“ von Robert Kegan. Die Tests dafür sind klinischen Ursprungs: Sie müssen händisch ausgewertet werden, durch Menschen mit entsprechender Kompetenz, und idealerweise mit einem einhergehenden Abschlussgespräch. Nur darüber zu lesen und sich selbst zu verorten zu versuchen, führt fast immer zu einer Fehleinschätzung.12

Bedeutet das, sich deshalb damit — also validierten Theorien — erst gar nicht auseinanderzusetzen? Auf keinen Fall: Sie liefern ja bereits An- und Einsichten, und schaffen es, einen anderen Kontext herzustellen und so Dinge, und damit letztlich auch sich selbst, zu hinterfragen.13

Während esoterisch angehauchte Persönlichkeitsentwicklung immer auf eine gewisse Art und Weise versucht, Realität14 so zu beschreiben, wie sie zum Ich steht — sie soll sich da ja dem Ich unterwerfen15 –, versucht ernsthafte Entwicklung letztlich, das Ich als Teil subjektiver, multiperspektivischer, ambiguer, einander widersprechender und parallel existierender Systeme und Metasysteme zu begreifen und zu entwickeln.16

Was da auch noch als Schwierigkeit hinzukommt, ist, dass sich Esoterik, Pseudo-Wissenschaften oder andere Möchtegern-Entwickler:innen Begrifflichkeiten mit ernst zu nehmender Wissenschaft teilen oder gar diesen Anspruch auch für sich erheben.17 Oder auch, dass sich viel um den Umgang mit „Ego“ dreht, und mehr oder weniger eine Art von „Wir“ im Fokus steht, und vieles ähnlich klingt.

Um da dann noch mal den Bogen zu spannen zum „nur gut fühlen wollen“, könnte ein einfacher Qualitätscheck beim Vergleichen von Produkten zur Persönlichkeitsentwicklung sein, zu schauen, ob und wie Kollaboration auf der praktischen Seite integriert ist: als Notwendigkeit und Ergebnis einer Ich-Entwicklung, oder doch nur als Selbstzweck, der einem Ich dient.18

Wenn es letztlich in einer Kumulation nicht allen hilft, sondern ehrlicherweise ein „was ist für mich drin“ ist, und selbst wenn das nur bedeutet, sich gut zu fühlen, ist es in die Tonne zu treten. Es kann so nur Ich-bezogene Probleme lösen, was dazu führen wird, dass es bald nichts mehr gibt, wofür das noch von Relevanz sein könnte.

Oder vielleicht auch da überspitzt, wie ein Freund mir mal schrieb: Wenn es keinen evolutionären Nutzen für die Gesamtspezies hat, ist es keine Entwicklung — und Evolution ist nicht darauf angelegt, dass alle überleben. Selbst die nicht, die ihr aktiv und bewusst zuarbeiten.

Fußnoten

  1. Die, wenn wir sie alle befolgen würden, gesellschaftlich katastrophale Auswirkungen hätten. 
  2. In der Regel ist das Material nur Teil- und Schnittmenge der vier Bereiche der Ich-Entwicklung
  3. Die Unterscheidung zwischen horizontaler und vertikaler Entwicklung
  4. Und glauben auch erstaunlich viel Unfug, obwohl sie es besser wissen müssten. 
  5. Vgl. „Ich-Entwicklung für effektive Beratung“ von Thomas Binder. 
  6. Wenn es uns in unserer Sicht auf uns nur unterstützt und unser Handeln legitimiert, statt zu hinterfragen. „Das ist halt typisch ENTJ!“ 
  7. Nochmal: Was sie nicht tun. 
  8. Das natürlich noch mal komplexer ist und vielleicht deshalb leider nicht das Standardmodell ist. 
  9. Und generell ist da die spannende Frage der Unterscheidung der Erklärung und der Vorhersagbarkeit. 
  10. Das Klientel stammt meist aus einer bestimmten sozioökonomischen Schicht, mit der es sich identifiziert und es über diese Ideologien zu verteidigen versucht. 
  11. Fast schon: zum Glück! 
  12. Die eigene Entwicklung wird immer überschätzt. 
  13. Nicht ohne Grund ist deshalb Ich-Entwicklung — also Entwicklung von Bedeutungskonstruktion — der wahrscheinlich wichtigste Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Aber eben nicht nur der einzige. 
  14. Wo auch immer wir die haben, frei nach Heinz von Foerster
  15. Manifestation, ick hör dir trapsen. 
  16. Natürlich gibt es da Schnittmengen zu einer spirituellen Entwicklung mit Stichwörtern wie Ego-Transzendenz; allerdings ist spirituelle Erfahrung individuell und „nicht teilbar“ und kann keine Lösungsansätze für Komplexität bieten, sondern nur Reduzierungen aufs Ich. 
  17. Kurz und lesenswert dazu, „The Rise of Fake Scientists“
  18. Die Seitenhiebe auf Spiral Dynamics sind zu leicht — in der türkisen Wahrnehmung muss das so sein: „Self is part of larger, conscious, spiritual whole that also serves self.“ 
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