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Muster des Konfliktes

Während ich noch daran arbeite, John Boyds Konzepte ins Deutsche zu übersetzen und mich dabei gelegentlich bei einer negativen Voreingenommenheit ertappe, passiert das oft, wenn ich über einen zentralen Begriff in den Dokumenten stolpere: Konflikt.

Denn John Boyd ging davon aus, dass sich Evolution, ganz im Sinne von Charles Darwin, (alleinig) um Wettbewerb drehe; dass Leben deshalb Konflikt, Überleben und Eroberung sei. Er schrieb, und wie wir es in unserer negativen Voreingenommenheit zu gerne sehen, dass das Lebewesen dazu treibe, um begrenzte Ressourcen zu konkurrieren, und Teil unserer menschlichen Natur sei.

Dem stimme ich nur so nicht zu und habe da ein schönes Zitat:

„Darwin hatte zwar Recht, dass die Arten um Ressourcen konkurrieren, aber er sah darin nur eine Phase im Reifungszyklus. Die Evolution schritt voran, als von den Arten verursachte Krisen sie dazu zwangen, über das ‚Überleben der Bestangepassten‘ hinauszugehen und kooperative Strategien zum Überleben zu finden.“

Elizabet Sahtouris

Der Wettbewerb um das Überleben des Bestangepassten ist also nur eine Phase eines größeren Evolutionszyklus. Darüber hinaus betrachte ich Kooperation (oder besser: Kollaboration) nicht nur als mein persönliches Selbstverständnis, sondern, wie auch Elizabet Sahtouris, als den wichtigsten gesamtheitlich zivilisatorischen Evolutionsschritt zum Lösen globaler Probleme.1

Allerdings mache ich mir auch nichts vor, und weiß, dass das nicht unbedingt die Realität aller Menschen ist. Dass diese Selbsterkenntnis, das eigenverantwortliche Umsetzen oder gar ein kollektives Selbstverständnis davon entweder nur hinreichend verbreitet ist oder mitunter gar nicht erst existiert.

Wenn ich hier also John Boyds wesentliche Konzepte aus „Patterns of Conflict“ vorstelle, dann in dem Kontext, dass mal wieder ein größenwahnsinniger Diktator auf der Weltbühne rumtanzt, und es eine ihm und seiner Werte- und Weltvorstellung angebrachten Reflexion bedarf, zu was das eigentlich führt und was es für einer Konsequenz bedarf, dem zu begegnen.

Ich schreibe hier also nicht von einer Person, die die Party für alle versaut. Es geht hier um gern verdrängte Vehemenz, Konsequenz und Ehrlichkeit von und über einen Teil in uns, von dem wir uns immer wieder nur zu gerne distanzieren oder ihn nicht wahrhaben wollen und ihn deshalb nicht anerkennen; dass Menschen tatsächlich so handeln und ihnen ab einem gewissen Punkt nur auf einer Ebene dieses Teils der menschlichen Natur begegnet werden kann.

Durch das Bereitstellen der wichtigsten Aussagen von Boyds Konzepten, wie Konflikte kriegerischer Art zu bewältigen sind, hoffe ich, eine sehr effektive und erprobte Linse zu bieten, durch deren Blick es uns ermöglicht wird, diesen Teil von uns zu verstehen und einzuordnen.2

Konzepte aus „Patterns of Conflict“

Quelle: „Patterns of Conflict“ von Col. John Richard Boyd (1986).

In der Evolution geht es seit Anbeginn des Lebens um Wettbewerb. Alle Tiere, und vor allem wir Menschen, sind darauf programmiert, zu überleben. Freie Gesellschaften sollten das widerspiegeln und verstehen, dass wir zu unseren eigenen Bedingungen überleben müssen.

Krieg selbst ist eine menschliche Aktivität, die studiert werden kann und aus der sich Muster des Konfliktes ableiten lassen. Freie Gesellschaften sollten diese Lehren anwenden, um ihr Überleben zu sichern.

In dynamischen Situationen sollten die Hauptverantwortlichen schnell handeln. Das Modell „Beobachten-Orientieren-Entscheiden-Handeln“ trägt dem Rechnung und betont, dass Operationen in einem Tempo erfolgen sollten, das innerhalb des OODA-Loops der Gegenpartei liegt.

Im Laufe der Geschichte hat sich der Erfolg auf dem Schlachtfeld immer dann eingestellt, wenn schnelle Entscheidungen, Aktionen und Manöver Verwirrung und Unordnung stiften und die Gegenparteien daran hindern, optimale Entscheidungen zu treffen.

Im Krieg sollten Strategien die Fähigkeit der Gegenpartei zu eigenständigem Handeln einschränken, ihr die Möglichkeit nehmen, zu ihren eigenen Bedingungen zu überleben, oder es ihr unmöglich machen, überhaupt zu überleben.

Es ist von Vorteil, über eine Vielzahl vorgeplanter Reaktionen zu verfügen und die Streitkräfte so zu schulen, dass sie sich auf veränderte Situationen einstellen können.

Die Anpassung an den Wandel darf keine passive Übung sein, die zum Scheitern führt. Wir müssen die Initiative ergreifen.

Frühe Befehlshaber wie Alexander, Hannibal, Khan und Tamerlane kämpften in einer Weise, die mit den Schriften von Sun Tzu übereinstimmt: Sie wollten den Sieg erringen, bevor die Schlacht geschlagen ist, und einen langwierigen Krieg vermeiden. Im Krieg wird Wert auf schnelles Handeln, Fluidität, Dispersion, Täuschung, Schock und Überraschung gelegt. Manöver ist der Schlüssel. Führen mit Initiative ist der Schlüssel.

Spätere Befehlshaber würden über Technologien verfügen, die ein noch schnelleres Handeln und mehr Präzision ermöglichen, sowie über bessere Sensoren und Nachrichtenwesen, Überwachung und Aufklärung, die eine stärkere Anwendung der Manöverprinzipien erlauben. Ein Thema, das sich durch die gesamte Untersuchung von Mustern von Konflikten zieht, ist, dass diejenigen den Sieg erringen, die die Prinzipien der schnellen operativen Entscheidungsfindung und der Dominanz in dem OODA-Loop beherrschen. Überlegene Streitkräfte können auch ohne diese Strategien gewinnen, aber es wird furchtbar blutig und erfordert überwältigende Kräfte. Und die größere Truppe kann immer noch scheitern.

Faktoren wie die Moral der Truppen und der Öffentlichkeit sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung und werden durch schnelle Entscheidungszyklen beeinflusst.

Die Gegenpartei im Ungewissen zu lassen, ist von Vorteil.

Nachrichtenwesen, Überwachung und Aufklärung sollten vor, während und nach dem Einsatz kontinuierlich eingesetzt werden, um sich verändernde Muster von Stärken, Schwächen, Bewegungen und Absichten zu bewerten.

Wenn wir unsere Gegenpartei nicht verstehen, führt dies zu einer Katastrophe.

Die Anwendung der Lehren aus den Mustern von Konflikten sollte mit einem Verständnis der Konfliktarten beginnen. Insgesamt gibt es drei Haupttypen: Zermürbung, Manöver und Moral, wie hier aufgelistet:

Kategorien des Konfliktes

Wenn wir über das Panorama der Militärgeschichte nachdenken, können wir die folgenden drei Arten von menschlichen Konflikten ausmachen:

  1. Zermürbungskrieg — wie er von Kaiser Napoleon, von allen Seiten im 19ten Jahrhundert und während des Ersten Weltkriegs, von den Alliierten im Zweiten Weltkrieg und von den heutigen Nuklearplaner:innen praktiziert wurde.
  2.  Manöverkriegsführung — wie er von den Mongolen, General Bonaparte, dem Konföderierten General Stonewall Jackson, dem Unionsgeneral Ulysses S. Grant, Hitlers Generälen (insbesondere von Manstein, Guderian, Balck, Rommel) und den Amerikanern unter den Generälen Patton und MacArthur praktiziert wurde.
  3. Moralischer Konflikt — wie er von den Mongolen, den meisten Guerillaführer:innen, einigen wenigen Gegenguerillas (wie Magsaysay) und einigen anderen von Sun Tzu bis heute praktiziert wird.

Im Zermürbungskrieg ist die Feuerkraft entscheidend. Die größere, besser bewaffnete Streitmacht wird wahrscheinlich gewinnen.

Bei der Manöverkriegsführung liegt der Schlüssel in der Nutzung von Aufklärungsarbeit, Zweideutigkeit, Täuschung, Neuartigkeit und Gewalt, um Überraschung und Schock zu erzeugen. Feuer und Bewegung werden in Kombination eingesetzt.

Bei moralischen Konflikten ist das Brechen des Willens der Gegenpartei vor dem Kampf ein wichtiges Ziel, aber es gibt keine festen Rezepte für den Erfolg. Großer Spielraum für die Untergebenen, um Phantasie und Initiative zu entfalten. Ganz im Sinne von Sun Tzu.

In allen Formen von Konflikten müssen wir versuchen, die Handlungsfreiheit der Gegenpartei einzuschränken und gleichzeitig die eigene Handlungsfreiheit zu verbessern, so dass die Gegenpartei nicht zurechtkommt, während wir zurechtkommen.

Wir benötigen Beobachten-Orientieren-Entscheiden-Handeln unauffälliger, schneller und mit mehr Unregelmäßigkeiten als Grundlage, um die Initiative zu behalten oder zu gewinnen sowie die Hauptanstrengungen zu teilen und zu verlagern: Wiederholt und unerwartet in Schwachstellen und Schwächen eindringen, die durch diese oder andere Anstrengungen aufgedeckt werden und die Aufmerksamkeit (und Kraft) der Gegenpartei an anderer Stelle binden, ablenken oder abziehen.

Das führt zu einer Artikulation auf einer großen taktischen Ebene:

Große Taktik

  • Innerhalb der Beobachtungs-, Orientierungs-, Entscheidungs- und Handlungsschleifen der Gegenpartei operieren oder in ihrem Gedanken-Zeit-Raum eindringen, um ein Wirrwarr von bedrohlichen und/oder nicht bedrohlichen Ereignissen/Bemühungen zu erzeugen sowie wiederholt Diskrepanzen zwischen den Ereignissen/Bemühungen, die die Gegenpartei beobachtet oder antizipiert, und denen, auf die sie reagieren muss, zu erzeugen auf die sie reagieren muss, um zu überleben:
  • Dabei die Gegenpartei in eine amorphe, bedrohliche und unvorhersehbare Welt der Ungewissheit, des Zweifels, des Misstrauens, der Verwirrung, der Unordnung, der Angst, der Panik und des Chaos verstricken, …und/oder die Gegenpartei in sich selbst zurückfalten,
  • Dabei die Gegenpartei über ihre moralisch-geistig-physische Anpassungs- oder Durchhaltefähigkeit hinaus zu manövrieren, so dass sie weder unsere Absichten erkennen noch ihre Anstrengungen darauf konzentrieren kann, mit dem sich entfaltenden strategischen Plan oder den damit verbundenen entscheidenden Schlägen fertig zu werden, wenn sie in sie eindringen, sie zersplittern, isolieren oder einhüllen und sie überwältigen.

Fußnoten

  1. Oder wir sind am Ende unserer Evolution angekommen. Und damit an unserem. 
  2. Wie viele von Boyds Konzepten äußerst konstruktiv, kollaborativ und zum Guten genutzt werden können, werde ich in späteren Einträgen schreiben. Allerdings gilt halt № 703
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